Vortrag vor dem
Johannes-Falk e.V. Gesellschaft der Freunde in der Not,
Weimar 14.2.2004
Ulrich Schwab
Johannes Falk gilt allgemein – unter vielem anderen – auch als Begründer des ersten Rettungshauses, dem Lutherhof, auf deutschem Boden. Dabei ist für die Rettungshäuser des frühen 19. Jahrhunderts charakteristisch, dass sie einerseits noch fest einer paternalistisch zu nennenden Tradition verhaftet bleiben, andererseits jedoch auch schon neue Wege gehen, die dann hinüber führen werden zu modernen Formen einer Jugendsozialarbeit, wie wir sie etwa aus dem 20. Jahrhundert kennen. Im folgenden möchte ich das Unternehmen Rettungshaus einzeichnen in die Geschichte christlicher Jugendarbeit, von der es unzweifelhaft ein wichtiger Teil ist und ich möchte danach fragen, welche Glaubenshaltung bei Johannes Falk selbst im Hintergrund stand, als er seine Anstalt begründete. Beides dienst, so hoffe ich, einer sachgerechten Würdigung von Leben und Werk Johannes Falks, die m.E. in der Literatur nicht immer in hinreichender Weise gegeben ist.
Christliche Jugendarbeit, wie wir sie heute kennen, ist weder von alters her Bestandteil kirchlicher Praxis, noch ist sie zurückdatierbar auf ein besonderes Entstehungsdatum mit einheitlichen Strukturen und Formen. Es sind vielmehr verschiedene Entwicklungsstränge, die allmählich zur Herausbildung neuer Formen christlicher Arbeit mit jungen Menschen seit dem frühen 19. Jahrhundert führen.
Schon vor dem 19. Jahrhundert gibt es kirchliche Angebote für junge Menschen. So gehört die theologische (Aus-)Bildung bereits seit der Zeit Karls des Großen zu den wichtigen Aufgaben kirchlichen Handelns. In der beginnenden Neuzeit kommen durch Reformation und Gegenreformation kirchliche allgemeinbildende Schulen hinzu. Auch Firm- und Konfirmationsunterricht wären hier zu nennen. In Rom entsteht 1563 die "Marianischen Kongregationen", gegründet an den Kollegien der Jesuiten, mit dem Ziel einer religiösen Selbstvervollkommnung im Zeichen einer besonderen Marienverehrung.
Im 17. und 18. Jahrhundert bemüht sich der Pietismus in besonderer Weise um dem Aufbau von evangelischen Schulen und Waisenhäusern, allen voran August Hermann Francke (1663-1727) und seine 1695 gegründeten Stiftungen in Halle (Obst 2002). Bei Francke müssen wir einen Moment bleiben, weil sein Werk auch auf Falk Einfluss hatte. 1695 richtet Francke in Glauchau bei Halle ein Waisenhaus für Kinder ein und sorgt sich auch um Möglichkeiten für deren schulische Ausbildung. Daraus entwickelt er in den nachfolgenden Jahren einen umfassenden Stiftungskomplex, zu dem neben dem Waisenhaus verschiedene Schulen und eine für die damalige Zeit vorbildliche Seminarausbildung für Lehrer sowie weitere wissenschaftliche und wirtschaftliche Einrichtungen gehören. Franckes Menschenbild ist geprägt von einem solchen Verständnis der Erbsündenlehre, welches ihn in seinen pädagogischen Vorstellungen dazu führt, die Rettung des Kindes nur von außen - nicht zuletzt durch Zwang - zu erwarten. Möglichen Selbstheilungskräften des Kindes kann er damit keinen Raum geben. In seinem Todesjahr werden an den Stiftungen über 2000 Kinder von 169 Lehrern unterrichtet. Ihren Schwerpunkt haben die Stiftungen in der schulischen Ausbildung und in der Lehrerbildung. Franckes pädagogische Arbeit, getragen von sozialen und religiösen Motiven, trägt in vielem bereits Züge der späteren Entwicklung im 19. Jahrhundert.
Mitte des 18. Jahrhunderts findet sich in Basel die von Pfarrer Meyenrock in St. Alban um 1768 begründete "Gemeinschaft der ledigen Brüder", die als erweckter Kreis zur religiösen Erbauung zusammenkommt und der Männer bis zu ihrer Verheiratung angehören können. Ähnliche Versammlungen entstehen gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch an anderen Orten. Sie gehören zum Umfeld der sich in Europa und Nordamerika neu formierenden Erweckungsbewegung, die in Deutschland pietistisches, romantisches und antirationalistisches Gedankengut miteinander verbindet. Die Basler Gemeinschaft tritt dann bald der 1780 in Basel gegründeten "Deutschen Christentumsgesellschaft" bei, die, vom älteren Pietismus beeinflusst, die Verbreitung der Erweckungsbewegung in der Schweiz und im Süden Deutschlands wesentlich fördert und dabei Verkündigung und soziales Handeln miteinander verknüpft. (Graf 1999)
Bei all diesen Vorläufern der Jugendarbeit lassen sich einige Grundfunktionen bestimmen, die entweder getrennt oder vermischt vorkommen können: Lehre, soziale Unterstützung und religiöse Erbauung. Derartige Angebote im Umfeld der Kirchen sind also auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts nichts absolut Neues. Und doch unterscheiden sich die nun neu entstehenden Projekte in drei Punkten wesentlich von den bisher genannten:
1. Da ist zunächst eine neue anthropologische Perspektive: Jugend gilt seit dem späten 18. Jahrhundert als eigenständige, von Kindheit und Erwachsenenwelt abgetrennte Lebensphase der "Reifung" (Ariés 1974; Richter 1987). Den bedeutendsten literarischen Ausdruck findet dieses neue Verständnis von Jugend in Jean-Jacques Rousseaus französischem Erziehungsroman „Emile“ aus dem Jahre 1762. Darin wird das Ziel der Erziehung nun erstmals nicht mehr im Erwachsenen gesehen, sondern im "vollkommenen Kind". Jeder Lebensabschnitt, so Rousseau, trägt seine Bedeutung auch in sich selbst, unbeschadet der vorhandenen Weiterentwicklung des Menschen. Freilich gelten die hier vertretenen Maxime nur für das aufstrebende Bürgertum. An eine Erziehung der Armen ist in der Aufklärungspädagogik nicht gedacht. Auch wenn dieses neue Verständnis von der Eigenständigkeit der Jugendphase zunächst also nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung wirklich zum Tragen kommt, so verändert es doch das gängige Bild von der menschlichen Entwicklung: die Jugendphase wird zur Reifezeit, die dann für die Vorbereitung auf Beruf und Ehe genutzt werden soll.
Dieses Nützlichkeitsdenken findet dann aber auch bald erste Kritiker. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Professor für Evangelische Theologie in Berlin, fordert in seiner Pädagogikvorlesung aus dem Jahre 1826, dass es in der Gesellschaft auch Raum geben muss für das gemeinsame gesellige Leben der Jugend außerhalb von Schule und Berufsausbildung. Die durch die Ausbildung bedingte Trennung der Jugend unterschiedlicher gesellschaftlicher Klassen soll nach Schleiermacher ergänzt werden durch Formen gemeinsamer Geselligkeit im Sinne von "freier Tätigkeit und Spiel", um auf diese Weise den Einseitigkeiten der beruflichen Ausbildung etwas entgegensetzen und so auch den Gemeingeist der Gesellschaft wieder stärken zu können (Schleiermacher 1826, 241 ff.). Mit diesen kurzen Bemerkungen am Schluss seiner Pädagogikvorlesung liefert Schleiermacher fast nebenbei die grundlegende Idee für eine anthropologische Begründung der Jugendarbeit, die in diesem Sinne erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder aufgenommen werden sollte.
2. Der zweite Aspekt, der mit zur Entstehung von Jugendarbeit beitragen sollte, ist die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft (Wehler 1987). Hatte es in den Städten schon seit dem Hochmittelalter ein aus Kaufleuten und Handwerkern bestehendes Stadtbürgertum gegeben, so bildet sich nun in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Aufsteigerschicht heraus. Diese besteht vorwiegend aus Staatsdienern, freien Berufen und der jungen Unternehmerschicht, also den neuen Funktionseliten. Für dieses Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum ist das Leistungsprinzip das entscheidende Argument für den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg. Die alte, auf dem Geburtsprinzip beruhende Ständeordnung wird allmählich außer Kraft gesetzt. Ein wichtiges Kennzeichen der bürgerlichen Gesellschaft ist der Verein, der zumindest dem Anspruch nach allen gesellschaftlichen Schichten offen stehen soll (Nipperdey 1976). Mit diesem Vereinswesen verbindet sich auch ein neues gesellschaftliches Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger. Die Belange der Gesellschaft gelten nicht länger allein als Aufgabe einer Staatsregierung, sondern das Wohl der Gesellschaft soll nun auch in den Verantwortungsbereich jedes einzelnen fallen. Nicht selten galt den staatlichen Behörden ein solches bürgerliches Engagement als äußerst verdächtig, weil staatlicher Kontrolle entzogen. So manches soziale Engagement wurde deshalb von den Behörden schon im Keim erstickt und verboten. Diese Einstellung einer neuen sozialen Verantwortlichkeit prägt auch die ursprünglich vom Methodismus beeinflussten Strömungen der in ganz Europa, aber auch in USA einsetzenden Erweckungsbewegung, die sich vor allem gegen die als zu rational und zu starr betrachteten kirchlichen Strukturen wenden und ein vielfältiges soziales Engagement im Rahmen des neuen Vereinswesens entwickeln (Beyreuther 1963). In Deutschland setzt sie Ende des 18. Jahrhunderts ein und ist nicht zuletzt religiöse Reaktion auf den sich abzeichnenden Zusammenbruch der altständischen Gesellschaft. Zu ihren führenden Köpfen gehören zunächst J.G. Hamann, J.H. Jung-Stilling, J.F. Oberlin, Novalis und J.C. Lavater. Hinzu kommt die Herrenhuter Frömmigkeit oder der Pietismus eines G. Tersteegens oder J.A. Urlspergers. Es enstehen vorrangig evangelisatorische Organisationen wie die Traktatgesellschaft, die die Württembergische Bibelanstalt oder die Basler Mission. Die Erweckungsbewegung, die regional eine sehr unterschiedliche Ausstrahlungskraft besaß, wird schließlich auch zum Nährboden der neu entstehenden Inneren Mission im evangelischen Deutschland. (vgl. Graf 1999)
3. Der dritte Aspekt, der zur Entstehung von Jugendarbeit beitrug, war die Massenverelendung im frühen 19. Jahrhundert, das große Problem des Pauperismus. Die kriegerischen Auseinandersetzungen um Napoleon hatten die deutsche Wirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr geschwächt. Hinzu kommt ein rasches Bevölkerungswachstum, so dass bald die städtische und ländliche Unterschicht von einer massiven Massenarmut bedroht ist, die ihren Höhepunkt erst um 1846 hat. Erst als in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts der Industrialisierungsaufschwung neue Arbeitsplätze zu schaffen vermag, nimmt die Pauperismuskrise allmählich an Schärfe ab, ohne dass das Problem der Verschlechterung der Lebensverhältnisse für die Unterschicht wirklich entscheidend gelöst wird: aus der Pauperismuskrise wird die Soziale Frage, aus dem Pöbel wird das Proletariat (Conze 1954). Nicht selten leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über 60% der Einwohnerschaft in den Städten unter dem Existenzminimum. Trotzdem ziehen im Zuge wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen viele junge Menschen in die Städte bzw. von Stadt zu Stadt, um Arbeit in der handwerklichen Protoindustrie zu finden. An eine soziale Verwurzelung dieser Menschen ist nicht zu denken. Es gelingt den staatlichen Einrichtungen nicht, durchgreifende Hilfsmaßnahmen anzubieten, so dass sich die Pauperismuskrise auch zu einer innenpolitischen Bedrohung auswächst. Hungerunruhen sind in dieser Zeit keine Seltenheit. Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), Pfarrer im Steintal/Vogesen und Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), Landwirt, Lehrer und Schriftsteller hatten beide unmittelbaren Kontakt zu armen Bevölkerungsschichten und entwickeln aus diesen Erfahrungen heraus neue pädagogische Ansätze einer sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die von staatlicher Seite aber keine Unterstützung fanden. Für Pestalozzi hatte das zur Folge, dass zunächst seine auf dem Familienprinzip ruhende Armenanstalt in Stans und später sein Lehrerseminar in Iferten nicht von Dauer sein konnten.
Das anthropologische Verständnis von Jugend als Reifezeit, die sich neu formierende Erweckungsbewegung in der bürgerlichen Gesellschaft sowie die brisante soziale Lage des frühen 19. Jahrhunderts führen gemeinsam dazu, dass sich in den Jahren um 1820 unterschiedliche Formen einer Arbeit mit jungen Menschen entwickeln. Diese Formen entstehen in der Regel zuerst in den Städten und sind Versuche, die soziale Not vor Ort konkret zu lindern. Soziale und religiöse Motive sind dabei so stark miteinander verknüpft, dass besser nicht von "zwei Wurzeln" der Entstehung von Jugendarbeit auszugehen ist. [1]
Diese Arbeitsformen gehen zurück auf das soziale Engagement einzelner, bemühen sich um altersspezifische Lösungen und gewinnen ihre Motivation häufig aus dem erwecklich-christlichen Glauben sozialengagierter bürgerlicher Kreise. Ein gemeinsamer Begriff für diese Arbeitsformen ist in der Frühzeit noch nicht vorhanden: Bezeichnungen wie Jugendpflege, Jugendarbeit oder Jugendhilfe sind alle erst später entstanden.
Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ist alles andere als eine ruhige Zeit. Die napoleonischen Kriege verwüsten halb Europa und bringen der Bevölkerung großes Leid. Das starke Bevölkerungswachstum führt zu großen Wirtschaftsproblemen. Die bestehenden Institutionen der städtischen Armenpflege sind gegenüber dieser Massenarmut nur ein Tropfen auf den heißen Stein (Krabbe 1989). In dieser Zeit begründet Johannes Daniel Falk (1768-1826) in Weimar ein erstes Rettungshaus für verwaiste Kinder und Jugendliche.
Falk, geboren in Danzig als Sohn eines Perückenmachers, studiert ab 1791 Theologie in Halle, beginnt dann aber bald schriftstellerisch tätig zu werden. 1798 kommt er durch Förderung Wielands nach Weimar und hat hier Kontakt mit Herder, Goethe und Schiller. Er tritt in den Staatsdienst und wird aus Anerkennung für besondere Verdienste während der Verhandlungen mit französischen Truppen zum sächsisch-weimarischen Legationsrat ernannt. Mit diesem Titel war dann auch ein festes Gehalt verbunden.
Falk ist von seinem Werdegang her ein typischer Vertreter des akademisch geschulten Bildungsbürgertums. Durch Bildung und ein tatkräftiges soziales Engagement hat er während der napoleonischen Kriege den Aufstieg vom Handwerkersohn zum Hofbeamten geschafft. In seinem Glauben steht er der Erweckungsbewegung nahe und kommt selber aus einem pietistischen Elternhaus. Glaube und Handeln ist für ihn – in der Tradition des Halleschen Pietismus - untrennbar miteinander verbunden. Bei Falk verbindet sich diese Hallesche Tradition allerdings auch mit aufklärerischen Elementen, wie wir noch genauer sehen werden.
Im Frühjahr 1813 war Thüringen nach der Vernichtung der Großen Armee in Rußland wieder Kriegsschauplatz. Da die Soldaten sich auf dem Lande selbst versorgten, indem sie raubten, plünderten und mordeten, erhielt Falk von der Regierung den Auftrag, in den hart bedrängten Dörfern um Weimar „das Schlimmste abzuwenden“ (Schering 1964, 14). Vom Schicksal der durch die Kriegsereignisse auf sich gestellten verwaisten Kinder berührt – und offensichtlich noch vor dem persönlichen Schicksalsschlag des Todes von vier eigenen Kindern im Herbst 1813 - , nimmt Falk einige Kinder 1813 in seinem Haus auf.[2] Zusammen mit dem Prediger Dr. Horn gründet er – ganz im Stil der bürgerlichen Gesellschaft – einen sozialen Unterstützungsverein, die Gesellschaft der Freunde in der Not zu Weimar, der 1813 mit einem Aufruf um Beihilfe zur Linderung der Kriegsnöte an die Öffentlichkeit tritt. Schließlich nahm sich die Gesellschaft auch der vagabundierenden Kinder an, die in den durch den Krieg verwüsteten Landstrichen sonst keine Unterstützung mehr fanden. Ähnlich wie Pestalozzi, den er persönlich kannte und mit dem er in einem Briefwechsel stand, will Falk bewusst einen neuen Weg einschlagen, um den verwahrlosten Kindern und Jugendlichen auch pädagogisch gerecht zu werden. In seinem Menschenbild folgt er August Hermann Francke und dessen Ansatz einer Rettung der Kinder von außen – so wie ja auch der späte Pestalozzi eher zum anthropologischen Pessimismus neigte. Das bringt ihn dann wie viele andere aus der Erweckungsbewegung (v. Raumer, Palmer) in Gegensatz zum anthropologischen Optimismus eines Jean-Jacques Rousseaus. Die Franckeschen Anstalten hatte Falk während seines Theologiestudiums in Halle kennen gelernt und mit dem damaligen Direktor der Anstalten, Prof. Niemeyer, der auch sein theologischer Lehrer in Halle war, blieb er zeit seines Lebens befreundet.
Bislang war in den damaligen staatlichen Arbeits- und Armenhäusern die gemeinsame Unterbringung von Kindern und Erwachsenen die Regel gewesen (Baumann 1984). Nun sollen Kinder und Jugendliche in eigenen, altersgerechten, und das heißt – an diesem Punkt dann auch anders als in Halle - in Anlehnung an Pestalozzi familienähnlichen Strukturen leben. So vermittelt Falk den Kindern Pflegeplätze in Familien und sorgt für Lehrstellen in Handwerksbetrieben. Auch eine christliche Sonntagsschule richtet er ein und hält "Kindervespern". Schon 1816/17 gehören zu seiner Einrichtung 174 Handwerkslehrlinge, 36 Schulkinder und 59 "Zöglinge", die er erst an geregelte Tagesabläufe gewöhnen will und die daher direkt bei ihm in der Anstalt waren. Hinzu kommen noch 11 Seminaristen aus dem Lehrerseminar in Weimar (Schering 1964, S. 24). An Pestalozzi schrieb Falk: »In der Kriegs- und Hungersnot saß ich mit den Kindern da und hatte die Wahl, sie wieder auf die Landstraße zu schicken, woher sie gekommen waren; aber ich hielt fest an Gott und bei meinen armen Kindern. Ich verkaufte, versetzte, wie es gehen wollte, riß die Kinder durch und habe auch nicht ein einziges fortgeschickt.« (Bautz 1990)
Falk hat große Probleme, die stetig wachsende Arbeit zu finanzieren – die Pflegeplätze mussten ja bezahlt werden - und kann dies nur unter persönlichen Opfern fortführen. Hinzu kommen wachsende Spannungen mit dem Stadtmagistrat in Weimar, der sich für die meisten dieser Kinder nach dem Herkunftsprinzip als nicht zuständig erklärt. Es ist nun für Falks eigenes Verständnis seiner Arbeit nicht uninteressant zu sehen, wie er in diesem permanenten Streitpunkt argumentiert. Im Geheimen Tagebuch“ findet sich für den 14. April 1818 folgende Notiz:
„Den 14. April erschien ein armer Krüppel, 16 Jahre alt, an einer Krücke, sehr klein und schwächlich in der Anstalt. Er bat mich im Namen Jesu Christi, ich sollte ihn doch einen Schneider werden lassen. Ich befragte ihn, wo er her sei. Er gab mir zur Antwort: „Ich heiße Ludwig Minner und bin in Möhrenbach geboren (...). Weil ich über einen nassen Weg gegangen bin, wo ich unter einem Baum stecken blieb, hab‘ ich mich verdorben. (...) Von dieser Zeit an habe ich nun das Reißen bekommen, was mich ganz zusammengezogen hat, so dass ich nun ein Krüppel bin. Mein Vater ist tot, meine Mutter auch, nur meine Stiefmutter lebt noch, aber die hilft mir nichts. Sie sagt, ich soll mein Brot vor den Türen suchen. Das hab ich nun seit zwei Jahren getan (...). – Nach Landegesetzen muss ich ihn abweisen, denn diese lauten so: „Kein Landeskind, keine Versorgung.“ Armer Minner! Du hast mich zwar im Namen Christi angerufen. Was soll ich ihm an jenem Tage antworten, wenn er zu mir sagt: „Ich bin hungrig gewesen, und du hast mich nicht gespeist (...)“. Etwa: „Ja, warum warst du ein Arnstädter, die gehen mich nichts an!“ (...) Nein, nein! Eine milde Anstalt soll zugleich eine christliche, eine allgemein menschliche sein und kann sich auf so engherzige Unterscheidungen unmöglich einlassen! Ich habe dieses arme, verlassene Kind bei Meister Querndt, dem Schneider in Kleinkromsdorf, untergebracht, obgleich ich nicht weiß, wo ich das Geld hernehmen soll.“ (Schering 1964, S. 28).
Falk argumentiert gegen die bestehende Gesetzgebung des Herkunftprinzips, indem er aufweist, dass diese Struktur gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe steht. Gegen die dogmatischen Bestimmungen der lutherischen Orthodoxie, wonach im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre die staatliche Sozialgesetzgebung im staatlichen Hoheitsbereich wohl zu respektieren gewesen wäre, hält er mit einem Hinweis auf die Seligpreisungen aus der Bergpredigt dagegen und entscheidet sich für das sich aus seinem Glauben ergebende Gebot des Handelns am Nächsten. Es ist diese Konsequenz des Glaubens, die er im Bereich seiner Arbeit mit in Not geratenen Kindern und Jugendlichen einfordert. Wenn Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521 gesagt hatte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“ und damit mit seinem Leben für seine theologische Überzeugung eintrat, so gilt dies für Falk in ähnlicher Weise auf dem Gebiet des sozialen Handelns. Er kann nicht anders, weil sein Glaube ihm diese Aufgabe gebietet und er ist bereit, dafür auch mancherlei Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Was dies anbelangt, steht Falk theologisch gesehen der pietistisch geprägten Erweckungsbewegung sicherlich nahe. Aber es gibt noch einen weiteren Hinweis in seiner Argumentation. Falk spricht von einer „christlichen, einer allgemein menschlichen Anstalt“, für die er einsteht. Hier hören wir auch eine aufklärerische Stimme aus Falk reden, indem er das Humanitätsideal bemüht und es mit seinem christlichen Glauben verbindet. Er appelliert eben zugleich auch an die allgemeine Menschlichkeit des Handelns und das steht für ihn nicht im Gegensatz zu seinem christlichen Glauben. Dass beides aber hier zusammengeht – und nicht die Humanität gegen Christentum und Kirche ins Feld geführt wird – ist Kennzeichen der Deutschen Aufklärung, die im Unterschied etwa zur Aufklärung in Frankreich sich um eine Verbindung von Glaube und Ratio, von Nächstenliebe und Humanität bemüht hat. Als typischen Vertreter der Erweckungsbewegung ist Falk natürlich gegenüber der Aufklärung distanziert – aber doch lebt er in einer „aufgeklärten Gesellschaft“ und dies macht sich eben auch bemerkbar. Der Satirendichter und Legationsrat Falk ist ein Kind seiner Zeit und dazu gehört allemal auch ein gehöriges Maß an aufklärerischem Gedankengut, das letztlich auch seinen Umgang mit Behörden – seien es französische oder deutsche – stark geprägt hatte.
Noch prägnanter bestimmt Falk seine Vorstellungen von Glauben im Frühjahr 1821. Nun beschäftigt er sich mit der Frage, was denn eine „positive Religion“ sei (Schering 1964, S. 104). Auch hier argumentiert er einerseits ganz im Sinne der Deutschen Aufklärung, denken wir etwa an Lessing, wenn er die „positive Religion“ definiert als „Glaube an ein höheres Licht, Offenbarung, die meistenteils mit Heiligen, Wundern, Sagen verbunden ist, an die dieses oder jenes Volk glaubt, während sie für ein anderes keine historische Evidenz haben.“ (a.a.o). In dieser historisch-rationalen Abgeklärtheit hätte kein wahrer Erweckungsprediger sich dieses Themas angenommen. Das ist eher der Blick einer geschulten Wissenschaftlichkeit, die Falk wiederum bei Niemeyer in Halle – einem Semler-Schüler, kennengelernt hatte. Falk bekennt freilich in diesem Tagebucheintrag auch, dass die „positive Religion“ nicht einfach das „natürliche Licht der Vernunft“ sein kann, sondern besteht darauf, dass es ein Glaube ist. Sein theologisches Denken ist also eher ein von Aufklärung und Erweckungsbewegung gemeinsam geprägter Glaube, den wir hier bei Falk finden – dem theologischen Programm von Niemeyer nicht unähnlich und übrigens darin in der Grundstruktur auch Schleiermacher artverwandt.
Deutlich wird dies auch, wenn Falk die Frage nach dem rechten Glauben beantwortet, indem er die dogmatischen Streitigkeiten etwa zwischen den Konfessionen für letztlich unerheblich erklärt und statt dessen wiederum das Handeln als Frucht des Glaubens für allein entscheidend ansieht. Er schreibt: „der Glaube an diese oder jene noch so alte und ehrwürdige Sage hat nur insofern Wert, als er sich durch einen liebenden Einfluß gut und wohltätig für die Menschen erweist. (...) Und wenn ich allen Glauben hätte, den katholischen und evangelischen, und den aller Sekten, der Quäker, Mennoniten und wie sie alle heißen, dazu, und hätte die Liebe nicht, so sagt Paulus, so wäre es mir nichts nütze.“ (Schering 1964, S.105 f.). Worauf Falk hinaus will ist, dass bei Paulus die Liebe (und damit ist bei Paulus Christus gemeint) innerhalb der Trias von Glaube, Hoffnung, Liebe das Größte unter den dreien ist. In Aufnahme dieser Hierarchie kann Falk dann den Glauben ohne Liebe als lieblosen Glauben bezeichnen – und in sehe ich die Grundstruktur seines theologischen Denkens. Er polemisiert vehement gegen ein solches Glaubensverständnis, welches die Werke gering achtet. Man könnte auf die Idee kommen, dass er sich damit auch vom Denken Luthers absetzt. Aber es ist doch so, dass darin kein Gegensatz zur lutherischen Rechtfertigungslehre gesehen werden kann. Bei Luther sind zwar die Werke gegenüber dem Glauben abgewertet, dies freilich nur im Hinblick auf den Erwerb der Rechtfertigung selbst. Dass ein recht verstandener Glaube auch Werke der Liebe hervorbringt, war für Luther so selbstverständlich wie für Falk (vgl. Tractatus de libertate christianae, 26). Den Kern der christlichen Religion sieht Falk also in zwei Punkten:
1. Im Glauben „an einen in die Zeit gekommenen, erbarmenden Gott, der uns allen ein Beispiel und Vorbild der Heiligung geworden ist“ und
2. In der praktischen „Nachfolge dieses Vorbilds, das sich an seinen Freunden, ja selbst an seinen Feinden zu Tode liebte; also ernstliche Nachfolge Jesu Christi in Werken der Liebe bis zur blutigen Aufopferung.
Das sind die beiden Lichtpunkte. Katholik, Lutheraner, Reformierter, Quäker oder Herrenhuter, wie er sich in seinem Formalismus unterscheidet, wenn er sich fest an diese zwei Punkte hält, so hat er Christum erlebt und ist ein Christ.“ (Schering 1964, S.113 f.)
Ein Glaube ohne Liebe im Sinne christlicher Nachfolge ist für Falk also schlechterdings nicht denkbar, denn dies wäre nicht nur „ein liebloser Glaube“ – sondern noch drastischer „ ein teuflischer Glaube“ (Schering 1964, S.113), weil diesem die lebendige Zuneigung der Barmherzigkeit Gottes fehlte. Wahrer Glaube führt in die Liebe hinein – es ist in der Tat dieses Verständnis, welches Falk zur sozialen Hilfe motiviert und nicht etwa die schrecklichen Schicksalsschläge, die seine Familie treffen (so die Vermutung bei Schering, 14). Diese sind vielmehr eher Anlass für allzu verständliche düstere Glaubenszweifel, die dann auch sein Tun in Frage stellen. Freilich beschäftigten ihn und seine Frau der Tod von sieben der eigenen Kinder intensiv. Falk braucht für dieses schreckliche Schicksal auch eine theologische Erklärungsfigur und er findet sie im Gedanken der Nachfolge im Leiden. Nach dem Tod seiner Tochter Angelika im Mai 1821 schreibt er: „Wir sollen uns an unseren Freunden zu Tode lieben, weil sie ja selbst auch noch Gottes Kinder sind. (...) Gleichwie Christus das Leben für die Brüder gelassen hat, also sollen auch wir das Leben für die Brüder lassen.“ (Schering 1964, S. 129). Diese theologische Denkfigut, dass die Nachfolge bis in den Tod hinein gilt, hilft ihm, sein Schicksal zu ertragen, indem er es sinnvoll deuten kann.
Als der Familie Falk das Mietshaus 1821, indem sich seine Anstalt mit befand, gekündigt wird, kann er ein anderes, allerdings stark herunter gekommenes Gebäude erwerben, das er mit den Kindern und Jugendlichen zusammen renoviert und 1825 – noch kurz vor seinem Tod - unter dem Namen Lutherhof als neues Anstaltsgebäude eröffnet. Lange hat er also den Fortbestand seiner Anstalt nicht mehr erlebt. 1829 übernimmt der Staat die Leitung des Lutherhofs.
Aber Falk ist mit seiner Idee und seiner Tatkraft doch zu einem Pionier der evangelischen Jugendsozialarbeit geworden. Ähnliche Einrichtungen entstehen z.B. 1819 in Overdyck am Rhein (Graf Adelberdt von der Recke von Volmerstein, 1822 nach Düsseldorf verlegt), 1820 durch Christian Heinrich Zeller und Christian Friedrich Spittler in Beuggen/Baden, die großen Einfluss auf die süddeutschen Gebiete hatten, 1821 in Erfurt und Gerdauen (Ostpreußen), 1823 in Kornthal (Württemberg), 1824 in Erlangen, 1825 in Berlin und Tuttlingen, 1826 in Kirchheim/Teck und Nürnberg. Schließlich entstammt das von Wichern 1833 in Hamburg gegründete Rauhe Haus dieser Tradition. Wichern war in seinem Erziehungsdenken von Falk maßgeblich beeinflusst und hat den Lutherhof in Weimar auch selbst besucht.
Die Bezeichnung "Rettungshaus" kommt Anfang der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts auf und soll besonders auf die religiöse Grundlage dieser Arbeit hinweisen, die darin gesehen wird, die Kinder vor den Gefahren der Welt durch äußeren Eingriff - in der Tradition August Hermann Franckes - zu retten. Den Rettungshäusern, die alle für sich das Familienprinzip nach Pestalozzi, die Berufsausbildung sowie die religiöse Erziehung als Grundlage ihrer Arbeit ansehen, stehen dann jeweils Hauseltern bzw. ein Hausvater vor, deren Aufgabe auch die Anleitung der im Haus tätigen Erzieher ist. Diese Rettungshausarbeit ist eine Form der Einzelfallhilfe. Obschon es in den Schriften von Falk und anderen Vertretern der Rettungshausbewegung auch eine Unzahl von gesellschaftskritischen Bemerkungen gibt, sucht man die Not individuell zu lindern. Konkrete gesellschaftspolitische Konsequenzen kommen noch nicht in den Blick. Das wird auch bei einem Johann Hinrich Wichern noch nicht der Fall sein. Der pädagogische Ansatz einer Rettung "von außen" hat aufs Ganze gesehen natürlich auch zu wenig hilfreichen, zwanghaften Erziehungsmaßnahmen in diesen Häusern geführt (Priem 1994). Nicht zuletzt darin ist der Grund dafür zu suchen, dass pädagogische Geschichtsschreibung sich heute gegenüber der Rettungshaus-Idee von damals in der Regel sehr distanziert verhält. Aber andererseits darf man doch auch nicht einfach übersehen, dass die Rettungsanstalten als ein erster Versuch zu würdigen sind, überhaupt eine kindgerechte soziale Einrichtung zu schaffen. Darin haben sie eine Pionierarbeit geleistet, auf der doch auch die heutige moderne Jugendsozial-arbeit fußt (Salzmann 1985).
Es ist nun hier nicht der Raum dafür zu zeigen, wie die Entwicklung der christlichen Jugendarbeit weiter ging. Es sei aber wenigstens angedeutet, dass die evangelischen Jünglingsvereine sowie die Sonntagssäle, die seit den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts überall in Deutschland entstehen, in ihrer gemeinsamen Grundstruktur darin dem Ansatz Falks nahestehen, dass es stets um die Linderung sozialer Notlagen – vorrangig in den sich entwickelnden Städten - ging. In ihren Anfängen ist Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit also keineswegs voneinander zu unterscheiden. Insofern war Jugendarbeit damals durchwegs eine „not-wendige Arbeit“. Auch wenn diese Projekte aus heutiger Sicht in vielem überholt sein mögen – es gebührt den Männern und Frauen, die sich hier engagierten, doch das Verdienst, dass sie in sehr früher Zeit sensibel waren für die Notlagen von Kinder und Jugendlichen, dass sie bereit waren, auch unter großen persönlichen Opfern Hilfestellung zu geben und dass sie zu Lebzeiten für ihr Engagement in der Regel nicht mit allzu großer Anerkennung bedacht wurden. Falks Glaubensverständnis einer Verbindung von Glaube und Liebe lässt sich dabei über Generationen hinweg als bedeutsam nachweisen, wobei in den folgenden Jahrzehnten bei seinen Nachfolgern wie Wichern das aufklärerische Moment zurückfällt.
Aber auch wenn wir heute nach dem eigenständigen Profil evangelischer Jugendarbeit fragen, ist es nicht die schlechteste Antwort, auf die Motivation zu sehen, die diese Arbeit jeweils trägt. Und da könnte die bei Falk im Glauben gegründete Liebe zu Kindern und Jugendlichen meines Erachtens dann auch heute noch ein vorzüglicher Wegweiser sein, wenn damit die Achtung vor dem Kind und dem Jugendlichen und der Respekt vor seiner Würde verbunden bleibt. Falk fing damals an, sich in diesem Sinne auf den Weg zu machen. Deshalb sehe ich ihn als einen wichtigen Vorreiter für eine moderne, am Jugendlichen als Subjekt orientierte Jugendsozialarbeit. Denn auch heute noch gilt, dass ein „liebloser Glaube“ den Weg zu den Herzen der Menschen wahrlich nicht finden wird. Es ist die Liebe, die dem Glauben sein menschliches Antlitz gibt, und die die Menschen füreinander öffnet. Das wusste Paulus ebenso wie Falk – und wir könnten es heute von beiden lernen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Literatur
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Schwab, Ulrich: Evangelische Jugendarbeit in Bayern 1800-1933. München 1992.
Seidel, L.: Die Evangelischen Männer- und Jünglingsvereine Sachsens. Dresden 1885.
Stange, Erich: Handbuch für das Evangelische Jungmännerwerk, Bd. 1, Barmen 1927.
Wartmann, Ernst: Geschichte des Ostdeutschen Jünglingsbundes 1856-1906, Berlin 1906.
Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1 u. 2. München 1987-89.
Wichern, Johann Hinrich: Sämtliche Werke, 10 Bände, Berlin 1958 ff.
[1] Die Argumentationsfigur von den "zwei Wurzeln" der Entstehung christlicher Jugendarbeit hat sich im frühen 20. Jahrhundert durchgesetzt. Zunächst hatte der Dresdner Pfarrer L. Seidel 1885 von einer doppelten Strömung in der Jünglingsvereinsarbeit gesprochen (Seidel 1885). Ernst Wartmann argumentierte 1906 mit den "zwei Wurzeln" eines sozialen und eines religiösen Zweiges, aus denen die Jugendarbeit hervorgegangen sei (Wartmann 1906). Leopold Cordier übernahm diese These von Wartmann und wurde mit ihr prägend für das Selbstverständnis der Jugendarbeit auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Cordier 1927), während Erich Stange sie ablehnte (Stange 1927). Auch in der sog. Polarisierungsdebatte zwischen missionarischer und emanzipatorischer Jugendarbeit in den 70er Jahren taucht diese Argumentationsfigur wieder auf, um die Existenz verschiedener konzeptioneller Schwerpunkte zu legitimieren.
[2] Vgl. die instruktiven Ausführungen von Stoodt-Neuschäfer, Katharina: Das Garn des Versuchers und das Liebesnetz Petri. Veröffentlichung des Johannes-Falk e.V. Gesellschaft der Freunde in der Not, Weimar 2003.